1. Anthropologische Aussagen zur Entwicklung des Kindes
2. Sensible Phasen
3. Die freie Wahl
4. Die Vorbereitete Umgebung
5. Die Materialien
6. Heterogenität als Prinzip: Die altersgemischte Lerngruppe
7. Veränderte Rolle der Lehrkraft: Lernbegleiter und Lernberater
8. Leistungskontrollen
9. Herausforderung für Eltern und Schüler/-innen: Neudefinition der eigenen Rolle

Maria Montessori geht davon aus, dass das Wesen des Menschen nach einem inneren Bauplan festgelegt ist: Die Entfaltung der Persönlichkeit vollzieht sich als aktiver, schöpferischer Aufbau in Auseinandersetzung mit der Umwelt, in die das Kind hineingeboren wird.
Die Erwachsenen tragen große Verantwortung bei der Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit. Sie helfen ihm bei der Entfaltung und Aufbauarbeit nicht, indem sie ihm Arbeit abnehmen, sondern indem sie es seinem inneren Plan gemäß nach frei tätig werden lassen. Montessori ist der Meinung, dass der Erwachsene nicht nach Mitteln zur Entfaltung der inneren Persönlichkeit des Kindes und zur Entwicklung bestimmter Charaktereigenschaften suchen muss, sondern es gilt, notwendige Anregung zu vermitteln. Dadurch entfaltet das Kind eine umfassende Tätigkeit, erweitert seine Intelligenz, aber auch Ausdauer und Geduld.
Damit dies geschehen kann, muss der Erwachsene der spontanen Entwicklung des Kindes Freiheit lassen, d.h. es arbeiten lassen, ohne unzeitgemäßes Eingreifen oder Stören der ruhigen und friedlichen Entfaltung. Für Maria Montessori ist Erziehung also die „Befreiung und Entdeckung des Kindes“. Befreit man das Kind vom Druck reglementierender Lerninhalte, Lernmethoden und Lernzeiten, dann offenbart es seinen derzeitigen Entwicklungsstand und seinen Willen zur tätigen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Damit wird es dem Erwachsenen möglich, die Individualität des Kindes zu sehen und zu begreifen. Er kann sein Verhalten darauf einstellen und dem Kind die Umgebung schaffen, die seine Entwicklung begünstigt. Der Unterricht in einer Montessori-Klasse wird also nicht in erster Linie von herkömmlicher Wissensvermittlung gelenkt, sondern von einer Vorbereiteten Umgebung, die individuelles Entdecken und Lernen ermöglicht.
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Alle Materialien wurden von Maria Montessori durch intensive Beobachtung von Kindern entwickelt und sind so gestaltet, dass sie die Kinder in ihren jeweiligen „Sensiblen Phasen“ ansprechen. Unter Sensiblen Phasen versteht Maria Montessori bestimmte Perioden gesteigerter Aufnahmefähigkeit. Sie sind von vorübergehender Dauer und dienen nur dazu, dem Kind die Erwerbung einer bestimmten Fähigkeit zu ermöglichen. So erlernt das Kind das Greifen, das Krabbeln, das Laufen jeweils zu ganz bestimmten Zeiten, die jedoch von Kind zu Kind voneinander abweichen können. In solch einer Lernperiode richtet das Kind seine ganze Aufmerksamkeit, sein ganzes Interesse auf das Ausbilden dieser einen Fähigkeit, es probiert sich ständig aus, wiederholt und setzt sich mit geeigneten Reizen seiner Umgebung auseinander, die es sich unbewusst oder bewusst aussucht. Das geschieht solange, bis die neu erlangte Fertigkeit dem Kind in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sobald dies geschehen ist, klingt die betreffende „Empfindsamkeit“ wieder ab. Genauso verhält es sich mit dem Erlernen der Sprache und des Denkens, d.h., Kinder suchen sich einfach selbst, was sie gerade am besten lernen können. Das sich entwickelnde Gehirn stellt sozusagen einen „eingebauten Lehrer“ dar.
Daraus folgt leider auch in vieler Hinsicht: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. In neurobiologischer Hinsicht wurde der Wahrheitsgehalt dieser Volksweisheit längst und auf vielfache Weise bestätigt.
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"Fast immer wird dem kleinen Kind und noch vielmehr dem älteren Kind seine Beschäftigung vorgeschrieben. Wir dagegen lassen in all diesen Dingen dem Kind ganz freie Wahl, denn wir haben erkannt, dass auch in der Wahl der Beschäftigung das Kind von starken inneren Motiven geleitet wird. Das Kind, das seine Beschäftigung alleine wählt, kann damit ein inneres Bedürfnis äußern und befriedigen. Allein das Kind weiß, was seiner Entwicklung Not tut, und eine aufgedrängte Beschäftigung stört seine Entwicklung und sein Gleichgewicht."
(Maria Montessori, Grundlagen meiner Pädagogik)
Die Kinder entscheiden frei, welchen Aktivitäten sie nachgehen, wann und in welchem Umfang sie dies tun.
Diese Entscheidungsfreiheit der Kinder ist begründet in dem, was Maria Montessori als "sensible Phasen" bezeichnet.
Der Schweizer Psychologe Piaget hat der Vorstellung ein Ende bereitet, dass Kinder bereits mit ähnlichen Denkstrukturen wie Erwachsene auf die Welt kommen. Seine detaillierten Forschungsergebnisse über die stufenweise Entwicklung des Gehirns bestätigen, dass die grundlegende Fähigkeit zu entscheiden von Anfang an vorhanden ist. Diesen Erkenntnissen wird durch die grundlegende freie Wahl der Tätigkeit in der Montessori-Pädagogik entsprochen. Aufgrund von Erfahrungen anderer Montessorischulen besteht die Gewissheit, dass sich die Kinder, sofern nicht physische oder psychische Schädigungen vorliegen, allseitig entwickeln.
Kinder, die auf Grund ungeeigneter Kindheitserlebnisse die Fähigkeit zu entscheiden verloren haben, erfahren Unterstützung bei der Wahl einer Tätigkeit durch die Lehrkraft. Das bedeutet unter anderem Motivationsunterstützung und Anregung zum eigenen Tun.
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In der Vorbereiteten Umgebung sind alle Lernmaterialien für alle Kinder offen zugänglich. Dabei ist jedes Lernmaterial nur einmal vorhanden!
Dies hat pädagogische Gründe:
Erstens werden die Kinder dazu angehalten sorgfältig mit dem Material umzugehen und, zweitens, wird bei hoher Nachfrage die Kommunikation und die Zusammenarbeit unter den Kindern gefördert. Die Materialien sollen immer vollständig sein und nach Benutzung von den Kindern immer wieder an ihren Platz geräumt werden. Die Materialien sind geordnet nach Übungen des praktischen Lebens, Materialien zur Schulung der Sinne, mathematisches Material, Sprache und kosmischer Erziehung, wie Montessori den erweiterten Sachunterricht nennt. Der Begriff Vorbereitete Umgebung umfasst jedoch mehr als die räumliche und sächliche Ausstattung. Er beinhaltet neben dem bereit gestellten Material auch das Verhalten von Lehrkräften, Eltern und natürlich von Mitschülerinnen und Mitschülern sowie die eigentliche Arbeitsatmosphäre.´
Wichtige Merkmale sind also u.a.:
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Die Vorbereitete Umgebung umfasst für Maria Montessori drei Aspekte:
Ein Teil der Vorbereiteten Umgebung sind die methodischen und pädagogischen Materialien. Sie bestehen aus dem geordneten Angebot
Die Entwicklungsmaterialien werden auch im engeren Sinn als Montessori-Material bezeichnet. Sie heißen Entwicklungsmaterial, weil sie in besonderer Weise der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes entgegenkommen. Ziel der Beschäftigung mit den Materialien ist die Förderung von Selbsttätigkeit und Selbständigkeit des Kindes durch die Übung der Sinne, der Bewegung und des handelnden Umgangs. Sie wurden von Maria Montessori und ihren Mitarbeitern entwickelt.
Die Materialen sind als „Schlüssel zur Welt“ gedacht und zeichnen sich durch folgende Merkmale aus :
Das handelnde Erkunden (dass „handeln“ das Wort Hand beinhaltet, muss hier betont werden) geht dem Denken voraus, weil denken nichts anderes ist als die innere Wiederholung von Handlungen: Wir müssen ja nicht mehr alles im Leben selbst ausprobieren, sondern können aufgrund unserer Fähigkeit zu denken und durch Überlegen, die äußere Welt in unser Vorstellung nachbilden, Vorgänge vorausdenken und so Entscheidungen über unser Verhalten auf „intelligente“ Art fällen. Wenn diese Handlungen vorher nicht da waren, dann können sie auch nicht im Gehirn wiederholt oder nachvollzogen werden.
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Altersgemischte Lerngruppen bieten erhebliche Vorteile : Sie ermöglichen den Schülerinnen und Schülern, ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung gemäß in einer festen Bezugsgruppe zu lernen. Dort erhalten sie durch Lernangebote und Materialien auf unterschiedlichem Niveau, durch die vielfältigen Arbeiten der Mitschülerinnen und Mitschüler, durch deren unterschiedlichen Entwicklungs- und Erfahrungsstand eine Vielzahl fachlicher, praktischer und kreativer Anregungen.
Dies ermöglicht es den Kindern (gegebenenfalls partiell auf einzelne Fachgebiete begrenzt) oberhalb oder unterhalb des für einen Jahrgang (z.B. in den Rahmenplänen und im schulspezifischen Lehrplan) vorgesehenen Fachniveaus zu arbeiten, ohne ihre Bezugsgruppe verlassen zu müssen.
So fördern jahrgangsübergreifende Gruppen individualisiertes Lernen und damit auch die Integration von Kindern mit besonderen Lernbegabungen/-stärken oder Lernschwächen.
Darüber hinaus bildet die altersgemischte Gruppe ein besonders geeignetes Fundament für soziales Lernen. Durch den mehrjährigen Verbleib besteht einerseits die Möglichkeit, feste Beziehungen und Freundschaften zu Gleichaltrigen, älteren oder jüngeren Kindern bzw. Jugendlichen aufzubauen. Gleichzeitig können die jungen Menschen Erfahrungen in unterschiedlichen sozialen Rollen sammeln (z. B in der Rolle des „Jüngeren", des „Älteren", des „Neulings" , des „Erfahrenen", des „Lernenden", des „Experten", des „Helfers", des „Hilfe- Annehmenden"), ohne auf Dauer in diesen Rollen festgelegt zu sein.
Ferner fordert die recht lange Verweildauer in einer festen Gruppe die verbindliche Gestaltung des Miteinanders geradezu heraus: Regeln und Rituale müssen entwickelt, erprobt, tradiert und gegebenenfalls modifiziert werden.
Die Erfahrung der Heterogenität ( bezüglich Alters, des Wissensstandes, der Fähigkeiten , Interessen und der persönlichen Eigenheiten) erleichtert die Entwicklung von gegenseitiger Achtung, Rücksichtnahme und Toleranz. Sie fördert darüber hinaus den Teamgedanken, wenn die Unterschiedlichkeit für gemeinsame Vorhaben fruchtbar gemacht wird.
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Eine wesentliche Bedingung für die Förderung von selbsttätigem und eigenverantwortlichem Lernen ist eine veränderte Rolle der Lehrkraft oder –globaler betrachtet – eine veränderte Haltung der Erwachsenen gegenüber dem Kind und dem Jugendlichen. Sie ist im wesentlichen gekennzeichnet durch Respekt vor der Persönlichkeit des Kindes bzw. des Heranwachsenden und durch das Vertrauen in die dem Kind innewohnenden individuellen Entwicklungskräfte, deren Entfaltung Erwachsene durch das Bereitstellen einer Vorbereiteten Umgebung kräftig unterstützen sollen.
Als weiteres Merkmal umfasst diese Haltung kritische Selbstreflexion und beobachtende Distanz des Erwachsenen. Fehler oder Probleme werden als notwendiger Teil des Lernprozesses betrachtet und insofern nicht geahndet, sondern analysiert und als Grundlage für die Fortentwicklung (z. B. des Materials, der Vorbereiteten Umgebung) genommen.
Zusammenfassend kann man in der Terminologie moderner Pädagogik die von Maria Montessori geforderte Haltung als Abkehr von einem Verständnis begreifen, das die Lehrkraft als dominanten Steuernden und Organisator des Lernprozesses begreift, als Abschied vom lehrerzentrierten Unterricht. Vielmehr muss sich die Lehrkraft als Lernbegleiter und Lernberater verstehen.
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Statt Noten – verbale Beurteilung
Statt Klassenarbeiten (im Sinne von Vergleichsarbeiten) – individuelle Lernzielkontrollen
Mittels des an Montessori-Schulen üblichen sogenannten „Pensenbuches“, in dem Lernziele und –schritte detailliert aufgeführt sind, dokumentieren die Lehrkräfte für jedes Kind das erreichte Pensum in der Mitte und zum Ende eines Schuljahres. Die Dokumentation enthält auch einen Bericht über das Arbeits- und Sozialverhalten. Nach Bedarf und auf Wunsch wird, z.B. bei Verlassen der Schule oder Übergang auf weiterführende Schulen, nach der . Klasse ein Ziffernzeugnis ausgestellt.
Klassenarbeiten im üblichen Sinn werden nicht geschrieben. Lernkontrollen ergeben sich ungezwungen und individuell am Ende eines Lernweges.
Kinder sind in der Regel gern bereit, ihr Wissen und Können zu zeigen. Dies kann aber nicht im Gleichschritt passieren, da die Kinder sich zu unterschiedlichen Zeiten in einem Stoffgebiet sicher genug fühlen. So können die Kinder einer Montessoriklasse den Zeitpunkt einer Lernkontrolle selbst wählen.
Es können z.B. Diktate via Cassette oder anderer Tonträger von den Kindern nach eigener Wahl geschrieben werden.
Leistungsurteile der Lehrkraft werden so abgegeben, dass sie dem Kind hilfreich sind und es ermutigen.
Durch die Rückmeldung an das Kind wird eine Individualisierung erreicht, die die Vergleichbarkeit mit der Regelschule aber zusätzlich gewährleistet.
Durch die individuelle Leistungskontrolle wird es für das Kind einfacher, ohne Verunsicherung, Angst und Entmutigung zu lernen.
Die Freude am Lernen bleibt erhalten. Es entstehen weniger Aggressionen gegenüber Schule, Lernstoff, Lehrpersonen und Mitschülerinnen und Mitschülern. Das Selbstwertgefühl wird entscheidend gestärkt.
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Die Einbindung aller am Erziehungs- und Lernprozess Beteiligten und ihre Identifikation mit den im Schulkonzept aufgegriffenen Ideen Maria Montessoris spielen für das Gelingen eine wesentliche Rolle ("corporate identity").
So müssen sich nicht nur die Lehrkräfte neu orientieren. Auch die Eltern müssen bereit sein, ihre Rolle und Haltung neu zu definieren und sich ebenso wie die Lehrkräfte als Begleiter der Kinder zu verstehen. Erziehungsmaßnahmen, die z. B. durch Druck, Liebesentzug, häusliches Üben gegen den Willen der Kinder oder durch Belohnungen den gewünschten schulischen Erfolg herbeiführen wollen, erscheinen kontraproduktiv zu den in der Montessori-Schule verfolgten Bildungszielen.
Damit eine vertrauensvolle, gute Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus gelingen kann, werden Diskussionsgremien und Fortbildungsveranstaltungen angeboten. Außerdem wird durch erweiterte Mitbestimmungsrechte in den schulischen Gremien die verantwortungsvolle Zusammenarbeit gefördert.
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