Freie Montessori-Schule Darmstadt

Privatschulen (1)

„Dahinter stehen Überzeugungen“

Bildung: In Darmstadt haben sich sechs freie Schulen etabliert – Offiziell Ersatz, zeigen sie ausgeprägtes Selbstbewusstsein

Neben den staatlichen Schulen tragen sechs Schulen in freier Trägerschaft mit ihrem spezifischen pädagogischen Angebot zur Vielfalt der Schullandschaft bei. Kirche, pädagogische Vereine und Elternschaft sind in hohem Maß involviert. Die Schülerzahl – derzeit rund 3200, knapp die Hälfte davon aus Darmstadt – ist stabil mit leichtem Aufwärtstrend. In einer Serie porträtieren wir die freien Schulen. Den Anfang macht die kleinste und jüngste unter ihnen, die Montessori-Schule. Sie heißen offiziell Ersatzschulen, doch als Ersatz für die staatlichen haben sich die privaten Schulen nie gefühlt. Ihr Selbstbewusstsein ist inzwischen stark ausgeprägt, auch in Darmstadt. Davon zeugt beispielsweise der 2006 gegründete „Arbeitskreis Schulen in Freier Trägerschaft“.

„Wir wollen uns als Gesprächspartner etablieren“, sagt Walter König von der Montessori-Fördergemeinschaft. Er und sein Kollege Roland Heymanns vom Vorstand des Trägervereins der Freien Christlichen Schule streben einen Bildungsbeirat an, eine Art Runden Tisch zu bildungspolitischen Fragen und in seiner Bedeutung ähnlich dem des Schulausschusses der Stadtverordnetenversammlung und dem des Stadtelternbeirats.

König und Heymanns betonen, sie könnten dort Erfahrungen einbringen, die staatliche Schulen noch oder noch nicht haben, beispielsweise zur Selbstverwaltung. Es ist zwar ein Anliegen des Kultusministeriums, staatlichen Schulen zu (mehr) Autonomie zu verhelfen, doch die bürokratischen Hürden sind in aller Regel hoch. Die Schulleitung muss mehrmals täglich die Rollen wechseln: mal Pädagoge, mal Verwalter.

Die Privaten können schneller handeln – und tun das. „Wir wollen einen kaufmännischen Geschäftsführer einstellen“, sagt König, „und wir suchen einen hauptamtlichen Verwaltungsleiter“, ergänzt Heymanns. Geld verwalten muss nicht Aufgabe eines Pädagogen sein. Und um Geld geht es schließlich auch. Trotz einiger Änderungen ist es Walter König noch ein Dorn im Auge, dass das Land, wie er sagt, „der Forderung nach Transparenz der Kosten“ nicht nachkomme.

Immerhin ist das Ersatzschulfinanzierungsgesetz im vergangenen Jahr dahingehend reformiert worden, als die kommunalen Schulträger ihren Beitrag zur Finanzierung der Privatschulen von 50 auf nunmehr 75 Prozent der Gastschulbeiträge anheben; diese Beiträge verrechnen Städte und Kreise untereinander, wenn ihre Schüler Bildungseinrichtungen des jeweils anderen Schulträgers nutzen. Für die freien Schulen bedeutet das 313 Euro pro Jahr und Schüler. König wertet das als „minimales Signal“ und erwähnt eine weitere Quelle, die nach Dafürhalten der freien Träger zu zögerlich sprudelt: Der Schulträger zahlt 110 Euro Investitionszuschuss pro Jahr und Schüler.

Königs Kollege Heymanns räumt vor diesem Hintergrund mit dem Irrglauben auf, Privatschulen definierten sich insofern als etwas Besonderes oder gar Elitäres, als die Eltern Geld bezahlen. „Wir sind finanziell unterversorgt, und daher erheben wir Schulgeld.“ Auch Privatschullehrer kommen im Vergleich mit ihren Kollegen in staatlichen Schulen finanziell schlechter weg. Heymanns: „Sie erhalten deutlich weniger.“

Die schlechtere Bezahlung gleichen offenkundig bessere Bedingungen aus. König listet auf, was die Privaten „in die Waagschale werfen“: kleinere Klassen, besseres Lernklima, engagierte Elternschaft. König: „Deren Wertschätzung für das Geleistete ist eine andere. Da stehen auch seitens der Lehrer Überzeugungen dahinter, und das macht zehn Prozent weniger Gehalt wieder wett.“

Dass die Freien sehr zu ihrem Bedauern bislang nicht im Schulentwicklungsplan auftauchen, könnten Darmstadts Schuldezernent Dierk Molter (FDP) und sein Landkreiskollege Christel Fleischmann (Grüne) mit auf die Agenda für den in Aussicht gestellten gemeinsamen Plan nehmen. Molter bescheinigt den freien Schulen ein interessantes Angebot. „Sie sind zweifellos eine Bereicherung der Schullandschaft.“ Beim Hinweis auf einen weiteren Wunsch der Freien, einen Betriebskostenzuschuss, muss Molter die Waffen strecken: „Woher nehmen?“

Diese Sorgen hat Horst-Dieter Kaspar, beim Staatlichen Schulamt mit der Aufsicht über die Gymnasien betraut, nicht. Er und seine Kollegen betrachten die Privatschulen aus rechtlichem und organisatorischem Blickwinkel. „Wir müssen unter anderem darauf achten, dass sie sich an die Vorgaben halten, was Stundentafel, Lehrpläne und gymnasiale Oberstufe betrifft.“

Dass die rund 240 Abiturienten der Edith-Stein-Schule, Waldorfschule, Marienhöhe und Freien Christlichen Schule beim jüngsten Landesabitur mit Noten zwischen 2,06 bis 2,31 dem Landesdurchschnitt (2,40) leicht voraus waren, sei eine Momentaufnahme, sagt Kaspar. Allerdings sei klar, dass private Schulen „gezielter fördern“ könnten als staatliche, allein schon wegen kleinerer Klassen.

Dass Kaspar nicht wunschlos glücklich ist, liegt nicht an den existierenden Privatschulen, sondern daran, dass Darmstadt mit den vielen internationalen Einrichtungen seiner Meinung nach ein Angebot gut zu Gesicht stünde: eine private Europaschule unter Regie der Europäischen Union.

Wolfgang Horn
13.9.2008

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